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Blogparade – In diesem Moment wusste ich, dass ich eine Kriegsenkelin bin

Mit meinem Blogartikel hier folge ich dem Schreibaufruf von  Dr. Iris Wangermann aus Köln. Sie ist Expertin für Ahnentrauma-Transformation in der Natur. 

Iris hat die Blogparade “Kriegsenkel Moment” gestartet. Ihre Frage lautet: „In welchem Moment wusstest du, dass du Kriegsenkel:in bist?“ 
Kannst Du Dich noch an den Moment erinnern, als Dir klar wurde: Viele meiner Themen und Herausforderungen sind nicht allein meine, sondern haben die Ursache in kollektiven, oder Ahnentraumata?
Kriegsenkel beschreibt Personen, die durch während der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit von ihren Eltern erlittene, unverarbeitete psychische Traumata indirekt traumatisiert wurden.

Wie meine gesundheitlichen Probleme mit dieser Thematik zusammenhängen, war mir sehr lange Zeit einfach nicht bewusst.

Aber alles der Reihe nach.

Wie alles anfing

Meine Mutter hat den Krieg als Kind erlebt. Sie und meine Oma haben viel von der Kriegszeit erzählt. 1958 ist meine Mutter mit ihrer Familie aus Oberschlesien nach Deutschland ausgereist. Hier angekommen, mußte sie erfahren, dass weder ihr Schulabschluss noch ihr Musikstudium anerkannt wurden. Um die Existenz zu sichern, hat die ganze Familie erstmal in einer Fabrik gearbeitet. Ich komme aus einer Künstlerfamilie: meine Mutter war Musikerin, ihr Vater und ihr Bruder waren beide Maler. Ich war mir sehr lange darüber nicht bewusst, denn Kunst wurde bei uns in der Familie nicht gelebt. Es wurde mal erwähnt, dass die Bilder an der Wand vom Opa und vom Onkel sind, mehr aber auch nicht. Musik war für meine Mutter kein Thema mehr. Die gab es nur noch aus dem Radio. Gearbeitet hat meine Mutter im Büro.

Behütete Kindheit

Als Kind merkte ich schon sehr früh, dass bei mir zu Hause etwas nicht stimmte, ohne dass ich es in Worte fassen konnte.
Meine Mutter hat mich behütet wie ihren Augapfel. Ich durfte keinen Schritt alleine machen. Sie wollte mich vor der ganzen Welt beschützen. Das hat mich zu einem überängstlichen Kind gemacht, dass sich nichts getraut hat.
Gefühle durften nicht gezeigt werden. Die „Liebe“ meiner Mutter hat sich für mich nie als solche angefühlt. Im Gegenteil, ich habe sie als einengend und erdrückend empfunden. Meine Migräne fing an, als ich noch in der Grundschule war.
Da meine Mutter alleinerziehend war und den ganzen Tag gearbeitet hat, mußte ich früh selbständig werden. Sie konnte es aber nicht ertragen, dass ich erwachsen wurde und meinen eigenen Weg gehe. Sie mußte mir in alles hineinreden. Das ging so weit, dass ich den Kontakt zu ihr ganz abgebrochen habe, um endlich atmen zu können und mein eigenes Leben frei zu leben. 

Unbewusst alte Muster übernommen

Doch unbewusst hatte ich die ganzen Muster von vermeintlicher Sicherheit schon längst übernommen. Was ich damit meine: anstatt meine Kunst als Beruf auszuleben, habe ich nach der Schule Sprachen studiert und bin einem Angestelltenverhältnis gelandet. Spaß und Zufriedenheit hat mir diese Arbeit nur äußerst selten gebracht. Die vermeintliche Sicherheit, die so ein Angestelltendasein mit einem regelmäßigen Einkommen mit sich bringt, hat sich immer wie ein Gefängnis angefühlt. Ich war nicht selbstbestimmt, hatte zu tun, was andere sagen, ob es Sinn machte oder nicht. Vieles habe ich hinterfragt und das war nicht erwünscht.
Mehrfach habe ich die Unternehmen und Positionen gewechselt. Aber immer mit dem selben Ergebnis: Unzufriedenheiten und körperliche Symptome, die keine körperliche Ursache haben.

Den Moment als es mir bewusst wurde

Den Moment als mir bewusst wurde, dass meine körperlichen Schmerzen und Symptome nicht meine eigenen sind, habe ich noch sehr deutlich vor Augen: ich saß in einer Gruppen-Meditation und es wurde von Ahnentraumata gesprochen. Auf einmal machte es innerlich „klack“ und ich fühle mich gleichzeitig wütend, traurig und unendlich erleichtert! Die Tränen sind geflossen und mein Körper fühlte sich seit langer Zeit entspannt an. In mir war in diesem Moment eine große innere Ruhe.

Jetzt verstand ich warum ich meine Verspannungen im Schulter-Nackenbereich weder beim Ostheopathen, noch mit Massage, Physiotherapie oder Yoga dauerhaft bessern konnte. Genauso wenig meine Migräne, Ängste, von denen ich nicht wirklich weiß wo sie ihren Ursprung haben.
Mir wurde auf einmal klar, welchen riesigen Rucksack an traumatischen Erfahrungen meiner Eltern ich mit mir herumschleppte.  Und mir wurde klar, dass ich einen Teil dieses Rucksackes geerbt hatte. 

Mit diesem neuen Wissen durfte ich mich dann erstmal in aller Ruhe auseinandersetzen. In mich hineinfühlen. Vieles machte nun Sinn. Es war auch irgendwie beruhigend, daß ich damit nicht allein bin. Ich verstand wo Schmerzen und Ängste herkamen, die ich mir nie wirklich erklären konnte und die gar nicht alle meine sind. Nach einiger Zeit konnte ich mit diesem Wissen auch das Verhalten meiner Mutter verstehen. Ich konnte meinen Frieden mit ihr machen.

Neue Wege

Um mich von diesem ganzen Ballast zu befreien, durfte ich noch den Umweg über einen Burnout und Tinnitus gehen.
Es ist ein Lernprozess und ich nutze diese Zeit intensiv um mich gut um mich selbst zu kümmern. Auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten. Wirklich zu hinterfragen: was ist meins und was kommt von außen. Das ist gar nicht immer so einfach. Dabei hilft mir meine Kunst sehr. Meine Bedürfnisse, meine Zufriedenheit, haben jetzt oberste Priorität.

„Meditation“, 2020, Mixed Media auf Leinwand ©️Beate Münch

Kannst du auch etwas zu deinem ganz persönlichen Kriegsenkel:innen-Moment sagen?
Dann mach‘ doch mit bei der Blogparade “Kriegsenkel Moment”. von Iris Wangermann.

Glück ist ein Pinselstrich!

2 Kommentare

  1. Liebe Beate,

    vielen Dank für Deine berührende Geschichte und Deinen Beitrag zu meiner Blogparade. Ich finde Deine Kunst wirklich ganz zauberhaft. Sie hat für mich Tiefgang. Das hat sicher etwas mit Deiner Geschichte zu tun.

    Herzlich, Iris

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